Meditative Fotografie – Achtsamkeitsübung

Achtsamkeitsübung: ein Blatt im Herbst

Oft gelingt es mit einer kleinen Achtsamkeitsübung, dich neu zu zentrieren, wenn du im Stress bist oder dein Kopfkarussell sich wieder mal dreht. Hier eine Anregung, die du jederzeit ohne großen Aufwand durchführen kannst:

Lege dir deine Kamera zurecht, ganz gleich, welche das ist. Wenn du das Smartphone verwendest, schalte in den Flugmodus, damit du nicht von eingehenden Nachrichten oder Benachrichtigungen gestört wirst.

Dann atme mehrmals ganz langsam tief in deinen Herzraum hinein. Konzentriere dich nur auf deinen Atem, wie er in dich hineinströmt. Mit dem Ausatmen stelle dir vor, dass alles Belastende deinen Körper verlässt. Das Atmen ist eine sehr wirkungsvolle Einstimmung auf den anschließenden fotografischen Prozess.

Geh nun hinaus mit deiner Kamera und fokussiere deinen Blick auf Blätter an Bäumen oder Sträuchern. Schau einfach, ob ein Blatt dich besonders anspricht, sei es von der Form, der Farbe oder einem anderen Merkmal.

Was hat es mit dir zu tun?

Frag dich:

  • Was ist es, das mich hier anspricht?
  • Hat es etwas mit meiner derzeitigen Lebenssituation zu tun?
  • Möchte ich etwas verändern an diesem Blatt?
  • Wie kann ich das, was mich berührt hat, fotografisch umsetzen?
  • Welche Perspektive drückt am besten aus, was ich empfinde?

Dann fotografiere „dein“ Blatt (ja, es ist jetzt unter den vielen anderen DEIN Blatt geworden!), wenn du magst aus unterschiedlichen Perspektiven.
Schau es dir am Monitor an, vielleicht hilft es dir, in der Bildbearbeitung einen Ausschnitt zu machen oder das Foto auszudrucken und in deiner Wohnung sichtbar aufzuhängen.

Achtsamkeitsübung – ein Beispiel

Als ich diese Übung heute Morgen für mich selbst im Garten durchführte, fiel mir das Motiv oben auf dieser Seite ins Auge. Unsere Buchenhecke hat schon viele braune Blätter, der Herbst zeichnet sich ab und verabschiedet den Sommer. Ich entdeckte einen kleinen Trieb, der sich anscheinend mit dem Jahreszeitenwechsel nicht so recht abfinden will. So als wollte er sagen: Nee, nicht mit mir!
Ganz schön kess, dachte ich mir. Bewundernswert, wie er sich dem herbstlichen Verfall entgegensetzt! Mir fiel ein Satz ein, der oftmals Martin Luther zugeschrieben wird: „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Hoffnung, die nicht aufgibt, ein Bild, das mich auffordert, dem Schreckgespenst einer 2. Corona-Welle meine Zuversicht entgegenzusetzen.

Da war auch noch der andere Gedanke: dieser übermütige kleine Trieb, der nicht weiß, wann es Zeit ist, loszulassen – eine Thema, das mich persönlich sehr beschäftigt.

Ich habe mich für die erste Variante entschieden, das Foto noch einmal aufgenommen und den Winzling in Szene gesetzt:

Herstknospe

Nur zu, lass dich nicht abschrecken! Vielleicht wird ja der Winder so mild, dass er deiner Frechheit nichts anhaben kann.

Finde DEIN Bild und lass es wirken. Meines werde ich heute noch ausdrucken und über den Schreibtisch hängen.

Viel Spaß dabei!
Dein Georg Schraml

 

 

 

4 Kommentare zu “Meditative Fotografie – Achtsamkeitsübung

  1. Inge Widmann

    Lieber Georg,

    ein Blatt im Herbst – ist es im Spinnennetz gefangen oder aufgefangen? Wie werde ich den Herbst
    meines Lebens empfinden? Wenn er so wird wie mein Spätsommer, werde ich unendlich dankbar,
    glücklich und zufrieden sein.

    1. Georg Schraml

      Liebe Inge,
      ich wünsche dir, dass die Silberfäden des Herbstes dich liebevoll auffangen. Dankbar, glücklich und zufrieden – was kann man sich mehr wünschen!
      Danke für deinen schönen Beitrag!

  2. Melissa

    Lieber Georg, danke für diese Anregung. Ich bin raus, obwohl der Kopf meinte, das Wetter ist viel zu schlecht. Dann ist mir ein sehr hellgrüner Trieb, der sich farblich stark vom Rest der Blätter abhob aufgefallen und ich habe begonnen mich da einzufühlen, als die Aufmerksamkeit auf ein Tierchen fiel. Ein sehr kleines Tierchen und ich konnte nicht genau sehen, was macht das Tier da genau?? Wo ist hinten, wo ist vorne? Also habe ich es so nah wie es ging fotografiert und bin nachher an den Bildschirm.

    Doch selbst am Bildschirm hat sich keine schlüssige Antwort ergeben und ich fragte mich, wo im Leben kann ich das, was geschieht, ebenfalls nicht einordnen? Und mit was für einem Gefühl ist das verbunden? Das Wort „Überforderung“ ist aufgetaucht, überfragt, ratlos. Doch dann hat sich auf der Gefühlsebene etwas verändert. Muss ich denn immer wissen, wieso und warum etwas geschieht? Kann ich mit der Ungewissheit sein? Oder habe ich mich vielleicht festgebissen, hänge ich an einer Idee, die ich nicht aufgeben kann?

    Und da kommt das Wort „Vertrauen“ ins Spiel. Dem Leben unvoreingenommen begegnen. Nein, ich habe keine Ahnung, was das für ein Tierchen ist, und was es genau da tut, doch beim Betrachten kann ich nicht anders als zu lächeln. Ich kann nicht sagen warum, doch das Lächeln ist begleitet von einer Freude. Der Freude zu sein und in dem Moment genau das erleben zu können.

    1. Georg Schraml

      Liebe Melissa, manchmal bekomme ich beim Lesen eines Kommentars Gänsehaut. Das war gerade der Fall! Danke für deinen so persönlichen Beitrag!

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