Fotoshooting – Jagd auf die Trophäe

Fotos schießen oder aufnehmen?

Fotoshooting Kamera als WaffeDer Ausdruck Fotoshooting gehört inzwischen fast zum Grundvokabular jedes Fotografen. Ein Begriff, den man durchaus mal hinterfragen darf, meine ich.

„Die grundlegendste Eigenschaft der Fotografie, die Zeit anhalten zu können, bezieht sich auf genau diese Momente, die man kaum herbeiführen kann. Man muss bereit sein, wenn sie kommen.
Ich warte auf sie, ich jage und sammle sie, und lasse das Foto zu einer Trophäe werden.“

Diese Sätze über die Porträtfotografie las ich kürzlich in einem Fotomagazin. Momente (Menschen?) jagen wie eine Trophäe? In unserem Sprachgebrauch bürgert sich immer mehr ein, dass wir Fotos „schießen“. Das „Fotoshooting“ gehört inzwischen zu den am häufigsten verwendeten Begriffen im Zusammenhang mit Fotografie.

Worte als Ausdruck von Haltung

Mir geht es nicht darum, andere in ihrer Anschauung abzukanzeln, deshalb will ich auch den Namen des Autors dieses Zitates nicht nennen. Ich frage mich nur, ob uns unsere Sprache nicht doch verrät. Ob hinter solchen Begriffen wie Fotoshooting nicht doch unbewusst eine Haltung steht, die der Situation oftmals nicht gerecht wird

Baby-Shooting?

In einer aktuellen Fotozeitschrift schreibt ein Fotograf über seine Baby-Shootings. Welche Sichtweise steckt da dahinter? Wenn ich ein Neugeborenes vor mir liegen sehe, will ich keine Fotos von ihm schießen. Diesem kleinen zerbrechlichen Wesen kann ich nur mit Ehrfurcht und Sensibilität begegnen. Das Wort „schießen“ hat in diesem Zusammenhang keinen Platz. (Ich spreche aus Erfahrung, meine Enkeltochter ist gerade erst 3 Wochen alt)

Fotoshooting als aggressive Haltung?

Die Wurzeln einer aggressiv ausgerichteten Haltung beim Fotografieren reichen über 100 Jahre zurück. Der englische Fotograf Bill Jay schrieb 1984 in einem Artikel mit dem Thema „The Photographer as Aggressor“:
„…the most dominant characteristic of the photographer since the 1880s has been his aggression“. Wer sich nicht viel darunter vorstellen kann, der sollte mal in Googles Bildersuche die beiden Begriffe „camera“ und „gun“ eingeben! Da wird eine Haltung sichtbar, die friedliebende Menschen einen Schauer über den Rücken laufen lässt.

Ein Foto „aufnehmen“

An sich hätten wir im Deutschen ein schönes Wort: ein Foto „aufnehmen“ (englisch „to receive a photo“). Aufnehmen heißt offen sein, etwas in sich aufnehmen. Fotografieren beginnt nicht mit „shooten“, sondern mit einer offenen, interessierten Haltung dem anderen gegenüber. Dabei ist es nicht entscheidend, ob es sich um Motive aus der Natur oder um Menschen handelt.

Kontemplative Fotografie – Buchempfehlung

Wer sich mehr für dieses Aspekt der Fotografie interessiert, dem empfehle ich das lesenswerte Büchlein „The little Book of Contemplative Photography“ von Howard Zehr. Hier geht es zuallererst um Haltung. Und um unseren Sprachgebrauch.

Es geht um Haltung

Mag sein, dass Sie als Leser nun sagen: Nun lass aber mal die Kirche im Dorf! – Ok, ich will niemanden vom Fotoshooting abbringen. Aber ich will sensibilisieren für Sprache und für die eigene Haltung beim Fotografieren. Weil ich mit meiner kleinen Enkeltochter kein Fotoshooting veranstalten witt, sondern weil ich sie „aufnehmen“ möchte, mit und ohne Kamera.[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row]

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