Jacqueline Esen: Irrlichter

Irrlichter Jacqueline EsenDie Münchner Fotografin Jacqueline Esen, inzwischen Autorin mehrerer Bestseller, kenne ich seit vielen Jahren. Ihre Art zu fotografieren und zu schreiben faszinieren mich immer wieder und es freut mich sehr, dass ich hier ein Foto von ihr vorstellen darf, das einlädt zum Hinschauen und Nachdenken. Lassen Sie sich anregen von ihrer Art zu fotografieren und ihren eigenen Gedanken zu ihrem „Irrlichter“-Motiv:

Man kann gar nichts festhalten

„Was hat mich bewegt, dieses Irrlichter-Motiv zu fotografieren? Nun, es waren einerseits die hell erleuchteten Fassaden der Nobelboutiquen mit ihren vorweihnachtlichen Verlockungen, die ich auflösen wollte. Die Konturen der Passanten, die wie Geister durchs Bild huschen, symbolisieren für mich den ständigen Wandel. Nichts hat eine feste Form, alles verändert sich ständig. Mit einem knackscharfen Foto friere ich einen Moment ein, halte ihn fest – nicht für die Ewigkeit, vermutlich gehen unsere endlosen Bildarchive sowieso irgendwann ins digitale Nirwana. Das Fotografieren suggeriert uns ständig, dass wir mit der Kamera etwas festhalten könnten, aber man kann gar nichts festhalten. Richtig ist wohl, dass Fotografie uns eine andere Sicht ermöglicht, dass sie uns im besten Falle zum Hinschauen bringt.

Ein Foto zeigt nicht den Moment selbst

Wir können Momente aus dem Fluss der Zeit herauslösen und durch das Anschauen der Bilder die Erinnerung an diese Momente wieder lebendig werden lassen. Trotzdem zeigt das Foto nicht den Moment selbst. Er weckt nur eine Erinnerung, die schon wieder von neuen / anderen Erlebnissen / Erfahrungen / Erinnerungen überlagert ist, und in einem neuen Kontext kommentiert wird. Der einzig authentische Moment beim Fotografieren ist der Sekundenbruchteil, in dem wir auf den Auslöser drücken („das Jetzt“).

Bilder sind wie Spiegel

Authentisch ist auch der Moment, in dem ein Betrachter zum ersten Mal ein Foto anschaut, und in einen inneren Dialog mit dem Bild geht. Jeder sieht/erkennt in einem Foto etwas anderes. Darum sind Bilder für mich wie Spiegel, in dem wir uns selbst erkennen können. Mit manchen Bildern gehen wir in Resonanz, mit anderen können wir nichts anfangen, das hat mit guter oder schlechter Fotografie nichts zu tun.

Out of focus (=unscharfe Bilder) ist eins meiner Lieblingsprojekte. Das Ungewisse/Unklare mag bedrohlich erscheinen, aber es hat auch seinen ganz eigenen Reiz. Fotografisch auf alle Fälle.“

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